Der heutige Tag war gar nicht so schlecht. Frühmorgens hat Franziska einen Anruf erhalten, dass das neue Projekt von ihr betreut werden soll. Das bedeutet, dass sie endlich die Provision erhält, die sie braucht, um sich ihren neuen kleinen Flitzer zu kaufen. Den größten Patzen Geld hat sie schon zusammengespart, ein kleiner Teil fehlt noch. Aber jetzt rückt ihr Auto in greifbare Nähe. Dann hat das ewige Warten auf den Bus ein Ende. Leider passiert es immer wieder, dass sie nicht rechtzeitig kommt und dann den nächsten Bus nehmen muss. Was eine Wartezeit von dreißig Minuten bedeutet. Kostbare Zeit, die sie mit ihrem Hobby verbringen könnte. Denn seit zwei Jahren malt sie zum Ausgleich für ihren harten Job. Wenn sie malt, ist es fast so, als wäre sie in einer anderen Realität. Teilweise übersieht sie die Zeit und dann geht sie spät zu Bett.

Auch jetzt wartet sie auf den Bus. Eine ältere Dame wartet mit ihr, schenkt Franziska ein kleines Lächeln und sieht dann wieder zu Boden. Die Dame wirkt etwas traurig und in Gedanken verloren. Aber das geht Franziska nichts an, manchmal sind ihr die Menschen etwas unheimlich. Sie ist nicht sehr sozial, war sie nie, weil ihr die Menschen oftmals zu präsent erscheinen, als würde ihnen die ganze Welt gehören. Selbst ist sie eher zurückhaltend und scheu, deshalb hat sie auch eigentlich keine Freunde und verbringt die meiste Zeit zu Hause oder im Büro. Gelegentlich hat sie das Gefühl, etwas zu versäumen, aber dann überwiegt die Angst und sie bleibt in ihrem kleinen Universum.

Franziska sieht auf ihre Uhr. Immer noch fünfundzwanzig Minuten. Sie sieht sich um und die alte Dame mustert sie. Franziska sieht wieder weg und auf den Boden.

„Ich glaube irgendwie, dass das Warten manchmal lange und manchmal kurz dauert, aber die Minuten die gleichen sind.“ Die alte Dame spricht Franziska mit einem sanften Ton an, als hätte sie Franziskas Gedanken gelesen. „Heute kann es mir nicht lange genug dauern“, ergänzt die Dame. Franziska sieht auf und in das Gesicht der Frau. Sehr abgespannt und bekümmert wirken die faltigen Gesichtszüge. Das Haar hat sie weiß und streng nach hinten gebunden. „Ja und mir dauert es zu lange, das Warten“, erwidert Franziska und ist über sich selbst überrascht. Es ist nicht ihr Ding, mit Fremden zu palavern. Ach, was soll’s, denkt Franziska. „Warum möchten Sie denn, dass es länger dauert?“, fragt Franziska aufrichtig. „Weil ich heute einen Termin habe, der nicht besonders angenehm ist“, erwidert die Dame noch trauriger. Sie geht aber nicht näher darauf ein und sieht in die Ferne, irgendwie ins Leere. Etwas an dieser Person wirkt unheimlich. Franziska empfindet aber nichts Bedrohliches. „Wissen Sie, ich habe jeden Tag mein Leben so gelebt, als würde es nie enden. Jetzt wird die Zeit knapp und ich denke daran, was ich alles nicht getan habe. Zum Beispiel habe ich nie Baguette und Butter in einem Kaffee in Paris gegessen, niemals die Chinesische Mauer gesehen, bin nie mit Pferden geritten oder hab ein Buch geschrieben. Meine beiden Kinder besuchen mich nur zweimal im Jahr an Feiertagen, weil ich nichts Aufregendes zu erzählen habe und nur mehr davon spreche, was für Medikamente ich brauche. Ich bin selbst schuld, ich bin eine Last.“ „Ich denke nicht, dass sie eine Last sind. Vielleicht sind Ihre Kinder nur zu beschäftigt.“ Franziska versucht, die Frau zu beruhigen. Sie selbst hat keine Eltern mehr. Am liebsten würde sie diese Fremde umarmen. Aber so etwas macht man natürlich nicht, schon gar nicht sie. „Doch, doch und das ist in Ordnung. Wissen Sie, ich war nicht immer so langweilig. Ein paar Dinge in meinem Leben habe ich schon gemacht, an die ich mich gerne zurückerinnere. Eigentlich weiß niemand von einer Geschichte, darf ich sie Ihnen erzählen?“ „Gerne.“ Franziska ist wieder etwas besorgt und hat ein mulmiges Gefühl. Aber noch immer sind es zwanzig Minuten, bis ihr Bus kommt, und mit einer Geschichte vergeht die Zeit schneller. „Damals, das war kurz nach der Oberstufe, lernte ich einen jungen Mann kennen. Das war vor meinem Ehemann, der mir zwei Töchter geschenkt hat und leider schon vor zehn Jahren an Lungenembolie gestorben ist. Ich liebte meinen Ehemann und ich vermisse ihn. Aber was damals mit mir geschehen ist, als ich Konrad kennenlernte, war eine ganz andere Ebene. Er war Polizist, gerade fertig mit der Ausbildung, ein Frischling sozusagen. Vier Jahre älter und in gewissen Dingen schon sehr erfahren, sie wissen, was ich meine.“ Die alte Dame versucht tatsächlich zu zwinkern, aber es gelingt ihr nicht so richtig. Franziska blickt etwas verlegen. „Nun, aber das war nicht das Besondere an ihm. Seine Fantasie war das, was mich fasziniert hat. Konrad träumte davon, mit mir um die ganze Welt zu reisen, am besten in einem Bus. So ähnlich wie der Bus, auf den wir beide jetzt warten. Aber der Bus, den er sich vorstellte, war umgebaut zu einem Häuschen, ähnlich den heutigen Wohnmobilen. Immer wenn wir im Bett lagen, sah Konrad zur Decke, rauchte eine Zigarette und fantasierte vor sich hin. Ich liebte seine Geschichten und hörte oft bis Mitternacht zu. Er machte sogar Doppelschicht, damit er sparen konnte, um unseren Traum irgendwann in die Tat umzusetzen. Nichts konnte ihn davon abhalten. Als er dann einmal die Schicht von einem Kollegen übernahm, wie so oft, passierte das Unglück. Ein Typ überfiel eine Trafik. Er war bewaffnet und schoss Konrad in die Brust, als er ihn stellen wollte. Konrad war nicht sofort tot. Er wurde ins Krankenhaus eingeliefert. Aber als ich dann ankam, sagte die Krankenschwester, dass er im Krankenhaus gestorben ist und ob ich die Freundin sei. Ich war wie betäubt. Die Schwester sagte noch, sie solle mir etwas ausrichten, nämlich dass ich seinen Traum leben muss, weil er es nicht mehr tun kann.“ Franziska hat Tränen in den Augen. Wieso nimmt sie die Geschichte einer fremden Person so mit? Einfach, weil es so traurig ist. „Jetzt, wo mein Termin bevorsteht“, redete die Frau weiter, sehr sanft und traurig, „denke ich an ihn und frage mich, warum ich seinen letzten Wunsch niemals erfüllt habe. Als Erstes habe ich lange getrauert. Das gilt vielleicht als Ausrede. Als Nächstes habe ich mich mit meinem zukünftigen Ehemann getröstet. Und dann kamen die Kinder. Aber das gilt nicht als Ausrede. Und jetzt ist es zu spät. “ Die Dame sieht zu Boden. Die Stille zwischen ihr und Franziska ist beklemmend. Irgendwie scheint die Frau nicht Franziska die Geschichte zu erzählen, sondern sich selbst. „Aber sie können doch immer noch reisen. Sie scheinen jetzt nicht so krank zu sein, dass das nicht ginge. Zwar nicht mit einem umgebauten Bus, aber es gibt diese Seniorenreisen mit Bus, wäre das was?“ versucht Franziska aufzumuntern. „Mein liebes Kind, nach diesem Termin wird reisen nicht mehr möglich sein.“ Wieder ging die alte Frau nicht näher darauf ein. Die Zeit ist um, der Bus der Linie 9 biegt um die Ecke. Der Bus hält und öffnet die Türen. Beide Frauen steigen ein. Franziska setzt sich der Dame gegenüber. Die Frau sieht aus dem Fenster und sagt nichts mehr. Selbiges macht Franziska. Offensichtlich gibt es nichts mehr zu sagen, aber Franziskas Gedanken sind ein einziger Tornado. Sie ist aufgewühlt und verwirrt. Die Botschaft hinter der Geschichte ist klar. Verschwende keinen einzigen Tag deines Lebens, sonst ist es vorbei und alles, was du je machen wolltest, kannst du nicht mehr tun. Gedankenverloren sieht Franziska aus dem Fenster und merkt gar nicht, dass sie ihre Station verpasst hat. Es wird dämmerig und auch das merkt Franziska nicht. Sie muss an all die Dinge denken, die sie sich als junges Ding vorgenommen hat. Sie wollte nach Schottland, um den Mythos Nessi zu erleben, sie wollte auch Klettern lernen, sie liebt die Berge und vieles mehr. Nur mehr drei Personen sitzen im Bus, Franziska, die alte Dame und ein Herr mittleren Alters. Ein Lautsprecher meldet: „Endstation!“ Franziska erschreckt aus ihrer Träumerei. „Bleiben Sie sitzen, junge Dame. Das ist unsere Station, hier wollen Sie ganz bestimmt nicht raus. Ich wünsche Ihnen ein langes Leben und vergeuden Sie keine Minute mit Ängsten oder Langeweile.“ Die alte Dame steht auf und wirkt auf einmal etwas verschwommen. Der Herr mittleren Alters steht auch auf, auch er wirkt nicht so, als wäre er ganz da. Was geht hier vor? Franziska ist erstarrt vor Angst. Die beiden anderen Fahrgäste gehen zur vorderen Tür des Busses und scheinen auszusteigen oder auch nicht. Sie sind einfach verschwunden. Der Busfahrer erhebt sich aus seinem Sitz und sieht Franziska an. „Sie wissen, dass Sie nicht hier sein sollten. Bleiben Sie einfach sitzen, dann geht’s gleich weiter. Nehmen Sie diese Lektion mit und reden Sie mit niemandem darüber. Das war ihr Geschenk. Sollten Sie diese Warnung nicht ernst nehmen, sehen wir uns in Kürze wieder und sie müssen auch hier aussteigen.“ Der Busfahrer setzt sich hin und Franziska wacht auf. Sie sitzt im Bus mit zirka fünfundzwanzig anderen Personen und die automatische Ansage sagt: „Linie 9 – Konradplatz“.

Zeit zum Aussteigen.

Martina Zöchinger

Mein Kommentar: Immer wieder merkt man, wie rasch die Zeit vergeht, kurzfristig wird einem das bewusst, aber schon beim nächsten Kaffee, der nächsten Aufgabe im Job oder unter der Dusche verleiten uns unsere Gedanken zum Trödeln. Pack an, was du immer schon tun wolltest. Ich versuch’s auch.

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