Heute scheint endlich wieder die Sonne. Nach all dem Regen hat Valerie schon eine depressive Stimmung, die ihr Umfeld fast nicht mehr aushält. Weil das Wetter sie aber heute überrascht und sie guter Dinge das Haus verlässt, beschließt sie, nicht mit dem Auto in die Arbeit zu fahren. Der Weg zum Büro führt durch kleine Gassen und einen Park. Die perfekte Umgebung für einen Spaziergang. Sie geht die Treppen des Mehrparteienhauses hinunter und trifft ihre Nachbarin. Die Dame ist schon fast achtzig und sie macht sich immer um jeden und alles Sorgen. Manchmal ist sie auch etwas gruselig, sagt Sachen, die dann später wahr werden. Zumindest hat ihre Freundin Tina das erzählt, die einen Stock über Valerie wohnt. „Guten Morgen, liebe Valerie. Gut geschlafen?“ „Ja, Frau Schneider, hervorragend sogar. Und sehen Sie, es scheint endlich wieder die Sonne.“ Frau Schneider sieht sie mit einem verzwickten Blick an. „Ja, meine Liebe, aber die Sonne kann täuschen. Nehmen Sie sich heute besonders in Acht und Vorsicht bei engen Gassen.“ Valerie ist verwirrt, was ist so gefährlich an engen Gassen. Aber sie will heute nicht über schlimme Dinge nachdenken und sagt einfach: „Ja, Frau Schneider, ich geb’ Acht. Schönen Tag.“ Valerie wartet den Gruß der Nachbarin nicht ab und verlässt das Gebäude. Die Sonnenstrahlen kitzeln ihr Gesicht. Sie hatte so große Sehnsucht danach, dass sie, obwohl sie kaum Geld hat, überlegt hat, in den Süden zu fahren. Einfach zwei Tage am Meer in der wunderbaren Sonne. Summend schlendert sie über die Straße zur Nebengasse. Die Autos parken teilweise wirklich doof, sodass sie kaum daran vorbeikommt, ohne in den vorbeifahrenden Verkehr zu geraten. Auf einmal hupt es hinter ihr ganz lange. Valerie erschrickt. Sie ist ohnehin schon an die parkenden Autos gedrängt, weiter kann sie nicht ausweichen. Sie dreht sich um und sieht in ein zu Tode erschrockenes Gesicht. Valerie läuft es eiskalt über den Rücken.

Aber auch diesmal möchte sie sich den Tag nicht verderben lassen und lässt den Mazda mit dem erschrockenen Autofahrer hinter sich zurück. Sie geht etwas zügiger, damit sie aus dieser verdammten Gasse herauskommt. Sie hätte auch eine andere nehmen können, aber das hätte bedeutet, dass sie zu spät ins Büro kommt. So versucht sie ihr Glück in dieser Gasse und sieht in der Ferne schon den Park, durch den sie spazieren möchte. Die Idee, gleich frühmorgens spazieren zu gehen, hatten andere Leute auch. Es ist überraschend viel los in dem Park. Ältere Leute sitzen auf der Bank und tratschen. Jogger laufen an Valerie vorbei. Eine Mutter versucht, ihr Kind mit einer Rassel zu beruhigen. Dieses Treiben macht Valerie viel Freude. Es ist so lebendig. Aber irgendwie stimmt trotzdem an dem Anblick etwas nicht. Die älteren Damen auf der Bank flüstern so leise, dass sie kein Wort verstehen kann, obwohl sie direkt an der Bank vorbeigeht. Die Rassel, mit der die Mutter das Kind unterhalten will, rasselt nicht. Was für ein eigenartiges Spielzeug. Valerie geht an dem Kinderwagen vorbei und sieht vor sich ein paar Tauben, die fröhlich am Boden picken. Sie geht darauf zu, aber die Vögel bewegen sich nicht. Normalerweise fliegen sie sofort davon, wenn jemand auf sie zugeht. Valerie geht noch einen Schritt näher und kann die Vögel fast anfassen. Aus einer Laune heraus streckt sie die Hand aus und möchte die Tiere anfassen. Einen Zentimeter, bevor sie Erfolg hat, fliegt die Taube weg. Komisches Vieh, denkt Valerie bei sich. Verdutzt steht sie kurz da und lacht verlegen. Was hat sie gedacht, dass sie Taubenflüsterer ist? Der Gedanke bringt sie lauter zum Lachen. Rasch hält sie sich den Mund zu, denn sie möchte nicht für verrückt gehalten werden. Aber niemand reagiert rund um sie, obwohl sie sehr laut und irgendwie hysterisch gelacht hat. Langsam setzt sie ihren Weg fort zwischen all den Linden und Kastanienbäumen. Nachdenklich. Denn auch das Licht wirkt trotz strahlender Sonne etwas trüb. Eine weitere Joggerin läuft ganz knapp an ihr vorbei, streift sie und läuft weiter. Keine Entschuldigung, kein Wort. Was passiert hier? Fragt sich Valerie ängstlich. Sie legt einen Zahn zu, um schnell ins Büro zu kommen. Hinter der nächsten Biegung ist die Hauptstraße, an welcher der Gebäudekomplex steht, in dem Valerie arbeitet. Am Gehsteig muss sie kurz Halt machen. Die Straße ist belebt wie immer, aber irgendwas kommt ihr trotzdem eigenartig vor. Als ob die Autos gegen eine unsichtbare Wand kämpfen müssen. Gedämpft, verlangsamt. Ihr kommt der richtige Ausdruck nicht in den Sinn. Die Fußgängerampel schaltet auf Grün und Valerie überquert eilig die Straße.

Als sie das Foyer des Gebäudes betritt, schlägt ihr ein eigenartiger Geruch entgegen. Es riecht irgendwie nach Blumen, aber sie könnte die Blumenart nicht bestimmen. Sie drückt den Knopf für den Aufzug und es klingelt. Zum Glück ist sie alleine in der Kabine, sie hat genug von eigenartigen Begegnungen. Der Aufzug öffnet die Türen und sie steht an der Rezeption ihres Arbeitgebers. Dort sitzt Lena, die Rezeptionistin, und weint still. Am Tresen stehen zwei Kolleginnen von ihr und weinen ebenfalls. Valerie geht sofort hin und fragt: „Was ist passiert?“ Aber niemand reagiert. Jetzt bekommt sie Panik. Schnell betritt sie das Großraumbüro, in dem ihr Schreibtisch steht. Dort sind alle versammelt, und ihr Chef hält gerade die Morgenbesprechung ab. Die Stimmung in dem großen Raum ist erdrückend. „Freunde, heute wird nicht gearbeitet, geht alle nach Hause. Dieser Tag ist ein schwarzer Tag. Wir schließen das Büro für einen Tag. Für sie.“ Wie in Trance packen alle ihre Taschen und verlassen einer nach dem anderen schluchzend das Büro. Valerie geht an den Kollegen vorbei, direkt zu ihrem Vorgesetzten. Dieser unterhält sich gerade mit der Sekretärin. Valerie wartet geduldig und hört zu: „Sie war doch noch so jung. Wieso trifft es immer die guten Seelen? Valerie wird mir sehr fehlen.“ Ein eiskalter Strahl durchfährt Valeries Herz. Was soll das heißen? „Ja, der Autofahrer hat sie nicht gesehen, als sie zwischen den parkenden Autos hervorgetreten ist. Sie war an Ort und Stelle tot.“ Valerie lehnt sich an die Bürowand, die sie seit fast zehn Jahren umgeben hat, und atmet heftig. In diesem Moment erscheint vor ihr ein Licht, und sie fühlt sich plötzlich federleicht. Glücklich über das Licht, das der Sonne so ähnlich ist. Zufrieden.

Martina Zöchinger

Meridian SPS
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