Katzenaugen

Lucy, die Mischlingskatze, geht durch die Straßen. Sie ist eine Freigängerin und das ist auch gut so. Ihre Freundin Octavia ist eine edle Siamkatze und sie geht nicht raus. Manchmal, wenn Lucy am Fensterkäfig von Octavia Halt macht, tratschen sie ein wenig. Auch heute setzt sich Lucy zu ihrer Freundin. Die Wohnung, in der sie zu Hause ist, liegt an einer belebten Straße. Viele Fußgänger gehen an dem Fenster vorbei. Auch heute Morgen ist es sehr belebt. „Guten Morgen, Octavia, wie geht es dir heute?“ „Ach, Lucy, das neue Futter, das mir meine Dienerin gekauft hat, ist wirklich schrecklich. Ich bekomme Magenschmerzen und dann kotze ich ihr alles vor die Füße.“ „Ach, Octavia, du bist wirklich arm dran. Lass uns ein wenig wetten, damit du mal wieder etwas Abwechslung hast. Was hältst du davon?“ „Wenn der Wetteinsatz eines von den Leckereien ist, das dir deine Dienerin gibt, dann ja“, erwidert die Siamkatze. „Na gut, wenn du gewinnst, bringe ich dir morgen mein tägliches Leckerli.“ Sie beobachten aufgeregt die vielen Menschen. „Weißt du, der da drüben. Der sieht komisch aus. Die Stresspusteln rund um seinen Mund und die gekrümmte Haltung. Ich tippe auf ihn“, sagt Lucy aufgeregt zu ihrer Freundin. „Ja, da könntest du recht haben. Aber siehst du die Frau da drüben? Die in dem Café sitzt und auf ihr Handy starrt. Schau dir ihre Gesichtsfarbe an, sie ist ganz grau. Ich glaube, sie ist eher dran.“ „Okay, dann lass uns das überprüfen, wer von den beiden der Erste ist.“ Die beiden Katzen schließen ihre Augen für einen Moment. Nach etwa drei Sekunden öffnen sie beide ihre Augen wieder. „Okay, Octavia, du hast gewonnen. Die Frau stirbt vor dem Mann.“ „Irgendwie traurig, oder? Wenn die sehen könnten, was wir sehen. Der Blick der Zwischenwelt ist teilweise ein Segen, manchmal auch ein Fluch. Soll ich dir etwas sagen, Lucy?“ Schnurrt die edle Katze. „Ich glaube, ich werde bald ohne Dienerin sein. Sie ist jetzt schon sehr alt und der dunkle Schatten ist jetzt bereits um ihren Kopf. Ich traue mich nicht nachzusehen, denn irgendwie mag ich sie schon in besonderem Maße. Noch will ich nicht wissen, wann sie gehen muss.“ „Ich kann dich verstehen. Meine kleine Dienerin vergisst manchmal, mich zu füttern. Zu Anfang war sie von mir so begeistert, dass sie mich fast überhäuft hat mit Leckereien. Aber jetzt kümmert sich ihre Mutter um mich. Ich vermisse ein wenig die Streicheleinheiten.“ Die beiden Katzen sitzen still da und beobachten weiter die Straße. „Aber Octavia, wir können es schlechter haben, nicht wahr? Wenn wir Menschen wären, dann hätten wir ständig keine Zeit. Stell dir vor, wir hätten keine Zeit zum Dösen oder um uns zu putzen. Was für ein Drama, wenn wir nicht mit unserem Ball spielen könnten, weil wir ständig Angst haben, dass uns die Zeit davon läuft.“ „Ja, da gebe ich dir recht. Aber meine alte Dienerin hat das mit der Angst hinter sich. Sie genießt das Leben in den letzten Zügen voll und ganz. Stundenlang sitzt sie einfach nur da, häkelt und hört ihre Musik. Dann habe ich auch meinen Spaß, denn ich verschleppe ihre Wollknäuel. Das bringt sie dann zum Lachen.“ „Ja, Wollknäuel sind hübsch. Die mag ich auch gerne. Menschenlachen ist auch schön. Weißt du, Octavia, diese Frau da drüben hat es auch verstanden. Siehst du das?“ Die beiden Katzen beobachten eine Frau, die aus dem Fenster sieht. Vor dem Fenster befindet sich ein Blumenkasten mit vielen unterschiedlichen Blumen. Ein sehr intensiver Farbklecks in dieser ansonsten grauen Straße. Sie hält die Nase in die Blütenpracht und lächelt in den Himmel. „Ja, Lucy, das ist Frau Nemez, die hat vor ein paar Tagen ihren Mann gehen lassen müssen. Sie hat die Blumen an dem Tag gepflanzt, als er hinübergegangen ist“, „Ah, das erklärt es. Na gut. Ich bringe dir morgen meine Leckerei. Ich wünsche dir einen sonnigen Tag, liebe Freundin. Und keine Sorge, ich habe nachgesehen. Deine alte Dame bleibt dir noch ein wenig erhalten. Bis dann.“ „Danke, Lucy, das freut mich. Schönen Tag.“ Lucy geht die Straße hinunter und riecht etwas Verführerisches. Der Fleischer, der um die Ecke seine Waren in einer köstlichen Auslage präsentiert, wirft manchmal Abfälle in den Hinterhof. Für die Katzen, die keine Dienerin haben. Dort ist bestimmt ein Festessen. Was für eine fantastische Gelegenheit. 

Martina Zöchinger
 

Anmerkung: Man sagt, Katzen sind Zwischenwesen. Das bedeutet, dass sie einen Blick in die verschiedenen Dimensionen werfen können. Vielleicht wissen sie mehr als wir. Vielleicht haben sie ein Gespür dafür. Ich habe einmal gelesen, dass Tiere, die einen lieben, ein Gefühl haben dafür, wenn Menschen krank sind oder bald sterben.

Meridian SPS
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.